Tschick ist Thea­ter, wie es sein soll

Ab­seits der Ge­no­ve­va­burg wird auf der klei­nen Büh­ne im Ar­rest­haus in die­sem Jahr Tschick auf­ge­führt. Ein Stück, mit dem sich die Burg­fest­spie­le zum ers­ten Mal di­rekt an ein ju­gend­li­ches Pu­bli­kum rich­ten. Aber macht es Sinn, den Best­sel­ler von Wolf­gang Herrn­dorf, der aus­rei­chend Stoff für ein Road­mo­vie mit­bringt, in ei­nem Kam­mer­spiel zu in­sze­nie­ren?

Es ist der ers­te Tag der Som­mer­fe­ri­en und be­reits jetzt weiß Maik, der in der Schu­le auch „Der Psy­cho“ ge­nannt wird, nicht was er mit sich und der Welt an­fan­gen soll. Sei­ne Mut­ter ist mal beim jähr­li­chen Ent­zug, sein Va­ter mit der Ge­lieb­ten auf Ge­schäfts­rei­se. Mit 200 Euro Ta­schen­geld sitzt Maik al­len am Pool der el­ter­li­chen Vil­la und träumt ver­liebt von Tat­ja­na, sei­ner Klas­sen­ka­me­ra­din, die alle au­ßer ihn zu ih­rer Par­ty ein­ge­la­den hat. Da taucht An­drej Tschichat­schow, ge­nannt Tschick, vor Maiks Haus­tür auf, in ei­nem ge­klau­ten Lada. Tschick ist neu in Maiks Klas­se, ein Proll aus der Hoch­haus­sied­lung, öf­ters be­trun­ken, ein zwie­lich­ti­ger Ein­zel­gän­ger. Ent­ge­gen Ver­nunft und Angst steigt Maik ein. Zu­erst wol­len die bei­den nur um den Block fah­ren und un­ge­la­den bei Tat­ja­nas Par­ty auf­tau­chen. Dann soll es in Rich­tung Wa­la­chei ge­hen, um Tschicks Fa­mi­lie zu be­su­chen. Doch dank Tschicks Mot­to „Land­kar­ten sind für Mu­schis“ wird dar­aus eine som­mer­li­che Deutsch­land­rei­se durch Orte mit­ten im Nir­gend­wo.

Tschick auf den Burgfestspielen Mayen 2017
Tino Leo führt in Mo­no­lo­gen bril­lant durch die Ge­schich­te. Foto: Mar­co Schmitz
Ein Auf­satz von acht Sei­ten  

Die Hand­lung spielt über­wie­gend auf Land­stra­ße und Au­to­bahn. Schnell wird die Rei­se zur Me­ta­pher für Maiks und Tschicks Su­che nach Frei­heit und Iden­ti­tät. Die ei­gent­li­che Ge­schich­te ser­viert Tino Leo als Maik in über­zeu­gen­den Mo­no­lo­gen aus sei­nem Auf­satz über die Som­mer­fe­ri­en, der mit acht Sei­ten das längst war, was er je­mals ge­schrie­ben hat. Das Pu­bli­kum nimmt er da­bei ge­schickt mit Aus­druck und cha­ris­ma­ti­scher In­ter­ak­ti­on mit auf sei­ne Rei­se. Als Zu­schau­er ver­gisst man sehr schnell, dass man auf den Bistro­stüh­len vor der Klein­kunst­büh­ne sitzt und fühlt sich als Gast auf ei­nem span­nen­den Ur­laub­stripp. Für kurz­wei­li­ge Un­ter­hal­tung und An­grif­fe auf das Zwerch­fell sorgt Jan Re­kes­zus, der den son­der­li­chen Rus­sen Tschick herr­lich über­zeich­net. Mit ge­konn­ter Mi­mik über­zeu­gen die bei­den Haupt­dar­stel­ler in ei­nem bril­lan­ter In­ter­agie­ren. In ei­ner flüs­si­gen Dar­bie­tung brin­gen die au­then­tisch wir­ken­den Schau­spie­ler das Pu­bli­kum zum La­chen, aber auch zum Nach­den­ken. Da­bei hal­ten sie die Hand­lung zu je­der Zeit im pas­sen­den Tem­po.

Tschick auf den Burgfestspielen Mayen 2017
Jan Re­kes­zus über­zeich­net den Rus­sen Tschick ge­konnt hu­mor­voll. Foto: Mar­co Schmitz
Der Takt der Ge­schwin­dig­keit

Für ab­wechs­lungs­rei­che Orts­wech­sel sorgt Ma­rie Lumpp, die wand­lungs­fä­hig in meh­re­re Rol­len schlüpft. Von der Leh­re­rin in Maiks Schu­le über die ver­wahr­los­te Isa, die als kes­se, sexy Göre vom Schrott­platz an Maik ge­fal­len fin­det bis hin zur bie­de­ren Sprach­the­ra­peu­tin, die Maik und Tschik in der Not hilft – Lumpp füllt jede Sta­ti­on ge­konnt mit Le­ben und lässt die Rei­se der Bei­den le­ben­dig wer­den. Ge­spielt wird da­bei so­wohl auf der Büh­ne vor ei­nem abs­trak­ten Bild blü­hen­der Land­schaf­ten auf rie­si­ger Lein­wand, als auch im Pu­bli­kum. Als ge­klau­ter Lada dient ein zum Auto ver­klei­de­tes Schlag­zeug, auf dem der Fah­rer in fet­zi­gen Rhyth­men oder ru­hi­gem Takt die Ge­schwin­dig­keit der Rei­se dar­stellt. Eine pfif­fi­ge Idee, die den Cha­rak­ter ei­nes Road­mo­vies per­fekt auf die klei­ne Büh­ne ei­nes Kam­mer­spiels trans­por­tiert.

Tschick auf den Burgfestspielen Mayen 2017
Wird Tschicks und Maiks Rei­se ein gu­tes Ende neh­men? Foto: Mar­co Schmitz
Thea­ter wie es sein muss.

Tschick über­zeugt auf gan­zer Li­nie. Ohne gro­ßen De­ko­ra­ti­ons­auf­wand zie­hen die drei Dar­stel­ler ge­konnt alle Re­gis­ter der Schau­spiel­kunst und über­zeu­gen auf äu­ßerst un­ter­halt­sa­me Wei­se in Ro­bert Ko­alls Büh­nen­fas­sung. Das Thea­ter­stück be­geis­tert Jung und Alt zu­gleich, wenn auch die stel­len­wei­se der­ben Dia­lo­ge eher auf Teen­age­roh­ren ab­ge­stimmt schei­nen. Wer noch kei­ne Kar­ten hat, soll­te sich wel­che be­sor­gen. Tschick ist klas­se und kann gut und ger­ne als Tipp für die Burg­fest­spie­le Mayen ge­han­delt wer­den. Die meis­ten Auf­füh­run­gen sind aus gu­tem Grund je­doch be­reits aus­ver­kauft.

 

Marco Schmitz
Mar­co Schmitz
Mar­co lebt und ar­bei­tet als frei­er Jour­na­list in Mayen. Der Schwer­punkt sei­ner Tä­tig­keit liegt in den Be­rei­chen Kul­tur und Un­ter­hal­tung. Er schreibt für Zei­tun­gen und ist Au­tor Deutsch­lands ers­ter Stu­die über die Re­zep­ti­on von in­ter­ak­ti­ven In­hal­ten durch El­tern.

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