Ju­dith Ho­ersch las Shir­ley Va­len­ti­ne

Die Schau­spie­le­rin mit Maye­ner Wur­zeln be­geis­ter­te im Rah­men der Frau­en­Kul­tur­Wo­che mit ei­ner Eman­zi­pa­ti­ons­ge­schich­te.

Man stel­le sich eine un­ge­lieb­te Haus­frau vor, de­ren Kin­der aus dem Haus sind und de­ren Ehe­mann sich höchs­tens da­für in­ter­es­siert, was er abends zu es­sen vor­ge­setzt be­kommt. Mit wem soll die Frau re­den, wem soll sie sich zu­wen­den, mit wem ihre Er­fah­run­gen, Ge­dan­ken und Emo­tio­nen tei­len? In Wil­ly Rus­sels mehr als er­folg­rei­chem Stück „Shir­ley Va­len­ti­ne oder Die Hei­li­ge Jo­han­na der Ein­bau­kü­che“ scheint die Prot­ago­nis­tin, näm­lich die schon ge­nann­te Shir­ley, zu Be­ginn ihre ganz ei­ge­ne Ant­wort auf die­se Fra­gen ge­fun­den zu ha­ben: Die Kü­chen­wand.

Da sich sonst so gut wie nie­mand ernst­haft für sie zu in­ter­es­sie­ren scheint, re­sü­miert die ent­täusch­te, je­doch in ih­rer Si­tua­ti­on ge­fan­ge­ne Shir­ley ihr Le­ben von Zeit zu Zeit (man könn­te auch sa­gen täg­lich) bei ei­nem Glas Wein im Zwie­ge­spräch mit eben die­ser Wand. Ein Zwie­ge­spräch, das in Wahr­heit kei­nes ist und das Pu­bli­kum den­noch am Den­ken und Füh­len der Prot­ago­nis­tin teil­ha­ben lässt.

Im Rah­men der Frau­en­Kul­tur­Wo­che war es nie­mand an­de­res als die Schau­spie­le­rin Ju­dith Ho­ersch, die auf Ein­la­dung ih­rer Groß­tan­te Kä­the Ei­sen­bür­ger, nach Mayen ge­kom­men war und das Stück in Form ei­ner sze­ni­schen Le­sung im aus­ver­kauf­ten Al­ten Rat­haus zum Bes­ten gab. Mit Maye­ner Wur­zeln 1981 in Köln ge­bo­ren, er­hielt sie dort auch ihre Aus­bil­dung an der Be­rufs­fach­schu­le für Schau­spiel „Das Zen­trum“. Mit „Shir­ley Va­len­ti­ne“ konn­te Ju­dith Ho­ersch nicht nur mit ih­rem Kön­nen über­zeu­gen. Sie traf mit dem In­halt des Stücks auch den in­halt­li­chen Kern­ge­dan­ken der Frau­en­Kul­tur­Wo­che: Frau­en kön­nen was. Und dazu, sich nicht zu ver­ste­cken, son­dern sich aus­zu­pro­bie­ren, zu ent­fal­ten und zu eman­zi­pie­ren, sol­len sie er­mu­tigt wer­den.

So be­freit sich auch Shir­ley Va­len­ti­ne vom er­drü­cken­den Rol­len­bild, in dem sie ein­fach nur un­glück­lich ist und be­gibt sich im Ur­laub mit ih­rer Freun­din, in dem sie sich auch auf die­se nicht ver­las­sen kann, auf eine in­ne­re Rei­se. Frei von den Er­war­tungs­hal­tun­gen, dem Zwang und den Vor­wür­fen ih­rer Um­welt fin­det sie hier­bei end­lich wie­der zu Lie­be, Le­ben, Glück und vor al­lem – zu sich selbst. Zu gu­ter Letzt er­leb­ten die Zu­schau­er dann auch eine ganz an­de­re Shir­ley als noch zu Be­ginn: Aus dem un­si­che­ren, un­glück­li­chen Per­sön­chen, die mit nie­man­dem als ih­rer Wand kom­mu­ni­zie­ren kann, war eine selbst­be­wuss­te, glück­li­che und eman­zi­pier­te Frau ge­wor­den. Für die­se ein­drucks­vol­le Ver­wand­lung gab es für Ju­dith Ho­ersch Dank und An­er­ken­nung in Form von Wor­ten durch die kom­mu­na­le Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­te der Stadt Mayen Ma­ri­on Fal­ter­baum so­wie in Form von lang an­hal­ten­dem Bei­fall durch das be­geis­ter­te Pu­bli­kum.

Marco Schmitz
Mar­co Schmitz
Mar­co lebt und ar­bei­tet als frei­er Jour­na­list in Mayen. Der Schwer­punkt sei­ner Tä­tig­keit liegt in den Be­rei­chen Kul­tur und Un­ter­hal­tung. Er schreibt für Zei­tun­gen und ist Au­tor Deutsch­lands ers­ter Stu­die über die Re­zep­ti­on von in­ter­ak­ti­ven In­hal­ten durch El­tern.

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