War­um Ernst sein so wich­tig ist

Schwe­re Kost, oder leich­te Un­ter­hal­tung?

In exis­ten­zi­el­len Fra­gen ist Ele­ganz ent­schei­dend, nicht Ehr­lich­keit. Über­ein­stim­mend taucht die abend­fül­len­de Ko­mö­die »Ernst sein ist wich­tig« in die schö­ne Schein­welt der vik­to­ria­ni­schen Lon­do­ner Ober­schicht ein. Schrill, mo­dern und mit schein­bar tri­via­lem Hand­lungs­ver­lauf.

Tri­via­le Ko­mö­die für ernst­haf­te Leu­te

Die Iro­nie des letz­ten und wohl auch be­kann­tes­ten Büh­nen­stücks von Os­car Wil­de spie­gelt sich be­reits im Ti­tel wie­der: das Wort­spiel zwi­schen „Ernst“ als Name und „ernst“ als Cha­rak­ter­ei­gen­schaft. Sie wird in un­wahr­schein­li­chen und kaum en­den wol­len­den Ver­wechs­lun­gen und Ver­wick­lun­gen der Freun­de Jack (An­dre­as Schnei­der) und Al­ger­non (Ani­el­lo Sag­gio­mo) um­ge­setzt. Die bei­den Dan­dys par ex­cel­lence ha­ben sich je­weils eine Iden­ti­tät für ihre amou­rö­sen Es­ka­pa­den er­schaf­fen. Ist Jack vom Land­le­ben ge­lang­weilt, lässt er in Lon­don als sein fik­ti­ver Bru­der Ernst die Glä­ser klir­ren. Im Ge­gen­zug ge­nießt Al­ger­non ab­seits vom Stadt­le­ben als Ernst auf dem Land die Ruhe. Doch das Dop­pel­le­ben der bei­den Her­ren wird pro­ble­ma­tisch. Als sich Jack in sei­ner Zweit-Iden­­ti­­tät in Al­ger­nons Cou­si­ne Gwen­do­li­ne (Eva Pa­tri­cia Klo­sow­ski) und Al­ger­non als Ernst in Jacks Mün­del Ce­ci­ly (Wieb­ke Isa­bel­la Neu­list) ver­lie­ben, nimmt das mun­te­re Spiel von Ir­run­gen und Wir­run­gen sei­nen Lauf.


Apar­ter Un­sinn

Die Auf­füh­rung der Burg­fest­spie­le weiß mit Si­tua­ti­ons­ko­mik und Iro­nie zu un­ter­hal­ten, selbst wenn man die Ge­schich­te kennt. Über­ein­stim­men­de Mi­mik und Wort­witz der Prot­ago­nis­ten ma­chen aus viel Ernst und we­nig Ernst­haf­tig­keit ein un­ter­halt­sa­mes Lust­spiel. Die Cha­rak­te­re har­mo­nie­ren ge­konnt mit­ein­an­der und un­ter­strei­chen mit Ges­tik und Spra­che die Di­stanz des eli­tä­ren Li­bel­len­staa­tes vom Rest der bie­de­ren Ge­sell­schaft. Die schau­spie­le­ri­sche Leis­tung über­zeugt aus je­dem Blick­win­kel nach bes­ter Bou­le­vard­ko­mö­di­en­ma­nier.

Auf­leh­nung ge­gen­über der Bi­got­te­rie des Es­tab­lish­ments. Foto: Mar­co Schmitz

An­dre­as Schnei­der und Ani­el­lo Sag­gio­mo ge­ben sich nicht nur ge­konnt als Be­aus. Sag­gio­mos herr­lich über­zeich­ne­te, an­dro­gy­ne Dar­stel­lung des Al­ger­non lässt nur den Schluss zu, dass sich Os­car Wil­de in die­ser Rol­le selbst ver­ewig­te. Po­la­ri­tät schafft De­jan Brkic in der Rol­le der Lady Brack­nell als ge­sell­schaft­li­cher Pit­bull. Der Buf­fo, der be­reits im Dschun­gel­buch tie­risch be­geis­ter­te, ver­kör­per­ter äu­ßerst amü­sant die ord­nen­de Hand des ge­sam­ten bri­ti­schen Em­pi­res. Auch in sei­ner zwei­ten Rol­le, Jacks But­ler Meri­man, er­hei­tert er mit na­he­zu wort­lo­sem Slap­stick ab­seits der üb­li­chen Kli­schees. Wieb­ke Isa­bel­la Neu­list löst die jun­ge Ce­ci­ly deut­lich aus ih­rer tra­di­tio­nel­len Rol­le her­aus und sym­bo­li­siert als im­pul­si­ver Wir­bel­wind die na­tür­li­che Auf­leh­nung ge­gen­über der Bi­got­te­rie des Es­tab­lish­ments. Die Schein­hei­lig­keit der bes­se­ren Ge­sell­schaft un­ter­zeich­nen da­bei Tho­mas Koll­hoff und An­net­ta Po­tem­pa in den Rol­len des Dr. Cha­sub­le als lüs­ter­nen Geist­li­chen und der Gou­ver­nan­te Mrs. Prism, die wahr­lich nicht so tu­gend­haft ist, wie sie ger­ne glau­ben ma­chen möch­te.

Zeit­ge­nös­si­sche Li­te­ra­tur in der Mo­der­ne un­denk­bar?

Über ein Werk Os­car Wil­des zu ur­tei­len ist leicht, be­trach­tet man es aus dem Blick­win­kel des Au­tors. Wil­de kom­men­tier­te einst die Pre­miè­re sei­nes Stü­ckes ohne je­den Selbst­zwei­fel. „Das Stück war ein gro­ßer Er­folg; das Pu­bli­kum ist al­ler­dings durch­ge­fal­len.“ Wil­de war sei­ner Zeit und der vik­to­ria­ni­schen Ge­sell­schaft der­art über­le­gen, das der Ein­fluss sei­nes Den­kens bis heu­te spür­bar ist. Im­mer­hin zählt die Ko­mö­die zu den meist­ge­spiel­ten Thea­ter­stü­cken und ist trotz zahl­rei­cher Ad­ap­tio­nen in Ki­no­fil­men kei­nes­wegs aus­ge­laugt.

De­jan Brkic be­geis­tert als ge­sell­schaft­li­cher Pit­bull. Foto: Mar­co Schmitz

Ca­ro­la Söll­ner in­sze­niert Os­car Wil­des Thea­ter­stück un­ter­halt­sam mo­dern, ohne den An­spruch ei­nes Kunst­wer­kes aus den Au­gen zu ver­lie­ren. Die Ge­schich­te selbst, heu­te we­der pro­vo­kant noch skan­da­lös, fas­zi­niert durch eine fan­ta­sie­vol­le und ge­schmei­di­ge Dar­stel­lung. Ges­tik und Spra­che sind tem­po­reich und spie­le­risch ele­gant zu­gleich. Zahl­lo­se De­tails vom schrill­ne Make-up, über schrä­ge Kos­tü­men bis zu ei­nem jau­len­den There­min als Aus­drucks­mit­tel des ego­zen­tri­schen Al­ger­non, ma­chen Wil­des Ge­samt­kunst­werk zu ei­ner mo­dern aus­ge­stal­te­ten Ver­wechs­lungs­ko­mö­die. Ein ge­wag­ter Schritt, mit dem Ca­ro­la Söll­ner den be­tag­ten Klas­si­ker in eine fri­sche Ko­mö­die ver­wan­delt. „Os­car Wil­de wür­de es heu­te wohl ge­nau­so ma­chen,“ kom­men­tiert sie selbst­be­wusst ihre Um­set­zung. An­der als beim Au­tor ist das Pu­bli­kum ist bei Burg­fest­spie­len nicht durch­ge­fal­len. Ein aus­ver­kauf­tes Haus und to­ben­der Ap­plaus be­stä­tig­te der Ko­mö­die »Ernst sein ist wich­tig« be­reits bei der Pre­miè­re vol­len Er­folg.

 

Marco Schmitz
Mar­co Schmitz
Mar­co lebt und ar­bei­tet als frei­er Jour­na­list in Mayen. Der Schwer­punkt sei­ner Tä­tig­keit liegt in den Be­rei­chen Kul­tur und Un­ter­hal­tung. Er schreibt für Zei­tun­gen und ist Au­tor Deutsch­lands ers­ter Stu­die über die Re­zep­ti­on von in­ter­ak­ti­ven In­hal­ten durch El­tern.

Schreib ei­nen Kom­men­tar

Wel­chen Kom­men­tar möch­test du hin­ter­las­sen?
Bit­te gib dei­nen Na­men hier ein

Neu­es­te Schlag­zei­len

Quer­beat be­geis­tert in der ring°arena

Mit ei­ner atem­be­rau­ben­den Show rock­te die Band Quer­beat ver­gen­ge­nen Sams­tag­abend die ring°arena des Nür­burg­rings. Bei er­folg­rei­chen Ohr­wür­mer wie „Nie mehr Fas­te­lo­vend“, „Gu­ten Mor­gen Bar­ba­ros­sa­platz“…

Se­nio­ren­bän­ke im Kreis

Im Rah­men des Be­we­gungs­pro­jek­tes „Be­we­gung in die Dör­fer“ hat­te der Land­kreis die Idee, nach und nach se­nio­ren­ge­rech­te Sitz­bän­ke in den be­tei­lig­ten Ge­mein­den auf­zu­stel­len. Da­bei…

An­­ruf-Li­­ni­en-Fahr­­ten wie­der mög­lich

Gute Nach­rich­ten für die Nut­zer von An­ruf-Li­ni­en-Fahr­ten (ALF) im Be­reich der Ver­bands­ge­mein­de Vor­derei­fel: Nach­dem der bis­he­ri­ge An­bie­ter das An­ge­bot in Fol­ge ei­nes In­sol­venz­ver­fah­rens ein­stel­len…

Per­so­nen­scha­den durch fal­sches Über­ho­len

Durch Über­ho­len trotz Ge­gen­ver­kehr kam es am Sams­tag, den 14.09.19 bei Kot­ten­heim zu ei­nem Un­fall mit Per­so­nen­scha­den. Ge­gen 11:25 Uhr  be­fuhr ein 29-jäh­ri­ger PKW
An­zei­ge

Meist­ge­le­sen

Die „Tier­quä­ler“ vom Lu­kas­markt

Be­reits vor Wo­chen mach­ten Tier­schüt­zer ge­gen Po­ny­rei­ten auf dem Lu­kas­markt front. Mit pau­scha­len An­schul­di­gun­gen und dra­ma­ti­schen Bil­dern rie­fen sie da­bei zum Boy­kott auf. Wir mach­ten uns selbst ein Bild und be­such­ten Ste­fan Büg­ler auf sei­nem Pony­ka­rus­sell.

Kein kö­nig­li­ches Bur­ger-Er­­le­b­­nis

Mit den Fast Food Re­stau­rants hat sich über Jahr­zehn­te eine ei­ge­ne Gas­tro­no­mie­kul­tur ent­wi­ckelt. Auch in Mayen. Wie also schnei­det der hie­si­ge Bur­ger King in die­sem Mé­tier ab?

Raub­über­fall in Kot­ten­heim

Kot­ten­heim. Am Don­ners­tag, 5. Ok­to­ber 2017, um 10:32 Uhr, fuhr ein 43-jäh­ri­ger Ge­schä­dig­ter mit dem Li­ni­en­bus, von der Hal­te­stel­le St. Veit in Mayen nach Kot­ten­heim…

Mon­go­li­sche Kü­che in den Lok­hal­len

Das Re­stau­rant Mon­gol be­fin­det sich in den Maye­ner Lok­hal­len, am Was­ser­turm und liegt da­mit weit au­ßer­halb des Stadt­kerns. Auf­grund der Lage bie­tet es zahl­rei­che…

Wie der TUS Mayen den Fuß­ball ver­bes­sern könn­te

Wer von den Maye­ner Fuß­ball­fans er­in­nert sich nicht ger­ne an ei­nen Abend im Au­gust 1989 zu­rück? Da­mals spiel­te der TUS Mayen in der höchs­ten…

Film­ver­gnü­gen un­ter frei­em Him­mel

Am Wo­chen­en­de hieß es am Gru­ben­feld wie­der „Film ab!“ un­ter frei­en Him­mel. Die VG Mayen hat­te ge­mein­sam mit dem Cor­so-Kino das Ge­län­de zu ei­nem…
X